Aus „komisch-komisch“ wird „gut-komisch

Hallo liebe Welt,

 

 

 

wir sind hier mittendrin in den Herbstferien und während Mrs. Rebelli Lea ein paar Urlaubstage mit der örtlichen Lebenshilfe auf einem Reiterhof genießt, erzähl ich Euch von den letzten Tagen und Wochen.

 

 

 

Am Montag ging es für Lea in diesem Jahr ein weiteres Mal in den Urlaub mit Freunden, natürlich ohne Mama. Sie war so aufgeregt wie eh und je. Dieses Mal war ich als Mama etwas angespannt, warum, weiß ich eigentlich auch nicht so genau. Vielleicht lag es daran, dass Leas kommender 17.Geburtstag in ihren Urlaub fallen sollte und wir noch nie an ihrem Ehrentag getrennt waren. Doch ich weiß, dass ich selbst es mit kommenden 17.Jahren einfach klasse gefunden hätte, wenn ich diesen in einem Alleine-Urlaub hätte erleben dürfen. Und da ich stets möchte, dass Lea so viele Dinge wie möglich genauso wie gesunde Teenies erlebt, ist ein komisches Gefühl im Mutterherz für mich zweitrangig. Als wir am Montag am Treffpunkt standen und das gesamte Gepäck von allen Reisenden in die Busse verstaut wurde, fiel mir wie schon früher auf, dass die meisten Kids zusammenstanden und miteinander agierten, während Lea etwas Abseits stand, aufgeregt versunken in Selbstgespräche über die kommenden Tage. In solchen Momenten frage ich mich oft, ob sie in ihrer zum Teil eigenen Welt eben trotz aller sozialer Kontakte auch eine Einzelgängerin ist oder ob sie dies evtl. von mir abgeschaut hat und nachlebt. Obwohl ich ein offener Mensch bin mit sozialen Kontakten, sozialen Aktivitäten, einem sozialen Beruf, war ich noch nie ein echter Gruppenmensch. In meiner Kindheit und Jugendzeit war ich kein Bestandteil einer Clique, sicherlich bedingt durch die unzählig vielen schwerwiegenden und sehr ungesunden Lebensumstände, denen ich in dieser Zeit ausgesetzt war. Da war Alleinsein ein Schutzmechanismus, der für mich noch heute in meinem inneren Konstrukt spürbar ist und den ich bedingt benötige, um mich auch heute noch als erwachsene Frau sicher zu fühlen. In Gruppen, in denen ich auf Menschen treffe, die ich nicht kenne, wird man mich meist abseits finden, beobachtend, vorsichtig oder inmitten von Kindern z.B. bei Klassenfesten, denn im Zusammensein mit Kindern fühle ich mich frei und sicher. Wenn ich Lea so Abseits stehend beobachte, wirkt sie glücklich, frei, lebendig, während sie sich das Geschehen und die anderen Menschen darin quasi selbst erklärt. Und wenn sie soweit ist, dann geht sie auch in den direkten Kontakt mit anderen und genießt das und doch nimmt sie sich auch stets ihre Zeiten des Rückzugs für sich allein. Vielleicht mache ich mir darin auch einfach zu viele Gedanken, weil sie eben schon immer so war und es für sie alles sehr gesund und richtig erscheint, ebenso, wie es sich für mich richtig und gesund anfühlt, trotz aller gelebten Offenheit auch eine Einzelgängerin zu sein, die eben nur eine Handvoll Menschen wirklich tief in ihr Innerstes hinein lässt und hin und wieder vorhandenes Alleinsein als gefühltes Auftanken und Reinigen empfindet. Und während ich dies Euch da draußen davon hier schreibe, sehe ich meine Tochter im inneren Bild lächeln und weiß, dass alles gut ist wie es ist und in mir aus einem „komisch-komisch“ gerade ein „gut-komisch“ wird.

 

Da fuhr Mrs. Rebelli am Montag also los in den Urlaub und durfte gestern dort mit ihren Freunden ihren langersehnten 17.Geburtstag feiern. Ich hatte vorher mit den Betreuerinnen abgesprochen, dass ich mich trotz Geburtstag dort nicht telefonisch melde, da wir Eltern dies grundsätzlich meist nur im Notfall tun. Und auch hier weiß ich, dass ich mit 17 Jahren im Alleine-Urlaub keinen elterlichen Anruf vermisst hätte, womit wir wieder an dem Punkt sind, Lea darf so viel wie möglich erleben, wie alle anderen Kids auch. In all den Jahren zuvor blickte ich einen Tag vor Leas Geburtstag und auch an ihrem Ehrentag selbst sehr emotional und sentimental auf die letzten Jahre zurück, die dann mit all ihren wunderschönen aber auch dramatischen Ereignissen an meinem inneren Auge wie ein Film vorbeiliefen. Doch aufgrund der Tatsache, dass ich während Leas Alleine-Urlaubszeit in den Schulferien ja auch selbst immer zu 100% frei für mein eigenes Leben und meine Interessen habe, war dafür irgendwie keine Zeit. Stattdessen traf ich in geheimer Mission die letzten nötigen Vorbereitungen für Leas Geburtstagsgeschenk, welches sie bekommt, wenn sie wieder zu Hause ist. Sie hat keine Ahnung, was es sein wird. In den letzten Monaten hat Lea mit einem Uralthandy von mir gespielt und damit in ihrer Phantasie mit Freunden telefoniert, Sprachnachrichten verschickt, Fotos aufgenommen usw. Zur Nacht legte sie das alte Ding, in dem kein Leben mehr ist, auf ihren Nachttisch. Für mich zeigte mir Lea damit einen total altersgerechten Wunsch auf, den sie wohl mit Worten so nie formulieren würde. So wurden hier daheim alle Grundlagen geschaffen, damit Lea demnächst auch im echten Leben mit ihrem eigenen Handy telefonieren, Sprachnachrichten verschicken, fotografieren kann usw. So hatte ich in den letzten Tagen einfach keine Zeit für sentimentale Innenschau, sondern habe eifrig ihr Handy mit dem nötigen Vertrag, den nötigen Sperren und wichtigsten Apps und Co versehen. Ihren gestrigen Geburtstag habe ich mit Lieblingsmenschen und einem ganztätigen Ausflug verbracht, bei dem ich herrlich leicht und fröhlich so abgelenkt war, dass ich auch dabei die Sentimentalität vergaß. Heute, einen Tag nach Leas Geburtstag bin ich einfach als Mama glücklich stolz für mein Kind und amüsiert darüber, wie einfach schon wieder aus einem „komisch-komisch“ ein „gut-komisch“ wurde. Ich kann es kaum abwarten, Leas Reaktion über ihr eigenes Handy in den nächsten Tagen zu erleben. Technisch ist das Ganze kein Hindernis für sie, da sie jegliche Technik in Windeseile versteht und beherrscht. Viel spannender wird es für uns alle hier sein, ob meine eingesetzten Sperren ausreichen, ich diese doch auf Dauer erweitern muss und was sie so an lustigen Sprachnachrichten an ihre Kontakte versendet.

 

 

 

In der zweiten Ferienhälfte werden Lea und ich uns dann ihrer nötigen ambulanten Kontrolluntersuchungen widmen, die zeitlich jetzt mal wieder dran sind. Somit haben wir im Winter weites gehend untersuchungsfrei. Unter anderem beginnen wir mit dem Herausfinden, ob Lea auch Autistin ist, da ich hier in unserer Gegend nach langer Suche die passende Anlaufstelle gefunden habe. Je älter Lea wird, desto mehr autistische Züge und Verhaltensweisen erkenne und erlebe ich in unserem Alltag bei ihr. Für ihre spätere Zukunft ist es sicherlich in diesem Punkt wichtig, sie richtig unterstützten zu können und eine evtl. zusätzliche Diagnose entweder festzustellen oder ausschließen zu können. Dies wird ein zeitlich längerer Weg sein, mit einigen Folgeterminen, bei denen wir uns aber keinerlei Stress machen möchten, sondern einfach in den kommenden Monaten relativ entspannt Klarheit schaffen wollen, die auch in Hinblick auf alle nötigen rechtlichen Änderungen zu ihrem 18.Lebensjahr wichtig ist. Diese im neuen Jahr anstehenden rechtlichen Änderungen werden nämlich unser „Randprojekt“ für den Jahresbeginn 2020. So ist es im Frühjahr 2020 an der Zeit den Antrag zur gesetzlichen Betreuung für Lea ab ihrem 18.Lebensjahr zu stellen, da auch dies ein rechtlicher Prozess ist, der einige Zeit in Anspruch nimmt, damit die nötigen Termine mit den zuständigen Ämtern bzw. Ansprechpersonen erfolgen. Zusätzlich möchte ich dann auch alles rechtlich regeln, wer neben meiner Person mich darin stellvertretend unterstützt, falls ich dies selbst mal nicht ausführen kann. So wäre Lea auch in einer evtl. Notsituation stets gut versorgt, denn auch ich bin gesundheitlich oder unfalltechnisch nicht unverwundbar. Dies alles benötigt ebenso viel Aufklärung und ehrliche Gespräche mit den Menschen, welche ich dafür als passend und richtig empfinde. Ich bin dankbar darüber, dass mich unsere örtliche Lebenshilfe mit den passenden Fachleuten unterstützt, aufklärt und hilft, damit zu Beginn von Leas 18.Lebensjahr alle nötigen rechtlichen Weichen und ihr zustehenden Unterstützungen gestellt und beantragt sind. Es ist auch hier „komisch-komisch“, weil es mir Leas späteres eigenes Leben in einem dann passenden eigenen Zuhause nochmals anders vor Augen führt. Ich kriege eine leise Ahnung davon, wie es sich anfühlen kann, wenn sie in einigen Jahren wirklich in ihr eigenes wohnliches Leben startet und bei mir auszieht. In so vielen Momenten der Überforderung der letzten Jahre oder dem eigenen innigen Wunsch nach einer pflegerischen Auszeit für mein Erholen und Auftanken, lag darin auch eine für mich gesunde Sehnsucht, das eigene Leben zurück zu bekommen. Bei dem Gedanken an all die bald nötigen Anträge fühle ich, wie wohl jede Mutter, auch Loslassschmerz, getragen von tiefer Liebe und Stolz für meine Tochter und eine leise Frage an mich selbst, wie ich dann wirklich mit meiner zurück gewonnen Freiheit umgehe. Doch auch das werde ich, wie vieles andere auch, im Laufe der Jahre erleben und somit auf mich zukommen lassen. Das darüber nachdenken hilft mir insofern, weil ich alle dazugehörigen Emotionen wahrnehme und annehme, mir so selbst zuhöre und mich auch dann mit anderen darüber offen und ehrlich austauschen kann. Dadurch wandelt sich in mir ein weiteres Mal ein „komisch-komisch“ in ein „gut-komisch“, was mich beim Schreiben schon wieder schmunzeln lässt.

 

 

 

Jetzt heißt es für mich, noch ein paar Tage freie Zeit mit meinen Lieblingsmenschen genießen, bevor ich live miterleben darf, wie Lea auf ihr Geburtstagsgeschenk reagiert und zu hören, wie sie ihren 17.Ehrentag mit ihren Freunden gefeiert hat. Ich werde Euch sicher in einiger Zeit davon erzählen. Es ist und bleibt spannend.

 

 

 

Herzlichst, Eure Ulrike mit Lea

 

 

 

Copyright Bild und Text: Ulrike Solo

 

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