Goodbye und HALLO

Hallo Ihr da draußen!

 

 

 

Es ist ja schon wieder echt lang her, dass ich hier etwas mehr aus unserem Leben geschrieben habe, von daher hole ich das heute nach. Wir haben hier schon Halbzeit in unseren Sommerferien und vor deren Beginn war hier echt viel los. Zu Beginn des Jahres hatte ich Lea für einen weiteren Sommerurlaub in Holland auf dem Reiterhof in Arnheim angemeldet, doch leider waren dafür schon alle Plätze vergeben. Doch die Motte ist und bleibt doch einfach ein Glückskind. Ca. 5 Wochen vor Ferienbeginn klingelte unser Telefon und mir wurde gesagt, dass jetzt doch ein Plätzchen für Lea für die Hollandreise frei geworden wäre. Da war der Jubel hier zu Hause bei uns beiden natürlich groß. Doch vorher ging es erst noch in den Endspurt des laufenden Schuljahres und auch eine kleine Shopping-Tour hatten wir hier zu Hause noch geplant. Diese Shopping-Touren mit Lea sind zurzeit wirklich toll. Nicht nur, dass die Teenie-Motte das Einkaufen von Kleidung mittlerweile für sich entdeckt hat, nein, sie und ich können auch ab sofort gemeinsam in der Damenabteilung nach neuen Klamotten wühlen. Obwohl sie mit ihrer Körpergröße von gerade mal 1,30m ja sehr klein ist, ist Kinderkleidung aufgrund des nötigen Oberkörper-Umfangs bei ihr einfach zu eng. Dafür passt ihr Damenbekleidung in der Größe 36 in den meisten Fällen super und sieht auch ja auch oft noch viel cooler und erwachsener aus. Was Lea und mir besonders viel Spaß macht ist, gemeinsam Kleidung im Partnerlook zu kaufen, sodass ich ab nach dem Waschen beim Wäschesortieren von Kleidern, T-Shirts und Blusen genauer auf die Größe schauen muss, damit alles auch im richtigen Kleiderschrank landet. Das macht mein dann amüsiertes Mama-Herz schon glücklich stolz, wenn meine „kleinere Ausgabe“ gleich gekleidet ist und neben mir herläuft.

 

Einen Tag vor Ferienbeginn stieg Lea nachmittags hier vor der Haustür aus ihrem Schulbus und rief mir zu allererst entgegen: „Mama, Mittelstufe 4 ist vorbei, jetzt Oberstufe 2, yeah!“ Ich antwortete überrascht und wehmütig: „Wirklich? Bist Du sicher?“ Lea antwortete stolz: „Ja, Mama, ist richtig!“ Als ich im Anschluss ihren Tornister aufräumte, fand ich den passenden Elternbrief zu ihren Neuigkeiten. Da stand ich nun in unserer Küche, sah die stolzen Augen meiner Tochter, die total glücklich darüber war, dass sie bald ein Oberstufen-Teenager sein sollte, während ich vor Freude für sie und gleichzeitig vor „Abschiedsschmerz“ weinte, weil unsere Zeit in der Mittelstufe einfach in allem toll war. In den letzten drei Jahren hat Lea in so vielen Bereichen für mich unglaublich große Sprünge gemacht. Nicht nur, dass sie im Schreiben, Lesen oder auch Rechnen (im 20-er-Bereich) immer sicherer wird, nein, sie ist einfach von Tag zu Tag mehr Teenager und somit junge Frau. Auch wenn sich unser Leben in vielen Dinge so gestaltet, wie man es mit einem 3-4-jährigen Kind kennt, wird sie emotional einfach erwachsen. In diesen Mittelstufenjahren haben die Lehrkräfte Lea und auch mir zusätzlich zu allem Schulischem in vielen anderen Dingen unterstützend und helfend zur Seite gestanden und besonders mir in vielen Minuten genau dadurch Ermutigung und Kraft gegeben. Und da ich weiß, dass der ein oder andere von ihnen hier ab und zu still mitliest, möchte ich auch auf diesem Wege nochmals DANKE sagen! Lea wurde ganz wunderbar auf die kommende Oberstufe vorbereitet, für die sie durch und durch bereit ist. Wir sehen und lesen uns alle weiterhin und Lea als auch ich freuen uns auf eine tolle aufregende Oberstufenzeit mit allem, was dazu gehört. Was mich auch dabei freut ist, dass sie dann mit manchen Mitschülern/innen aus früheren Klassenstufen, als auch mit manchen bereits bekannten Lehrkräften so wieder zusammen ist.

 

Am letzten Schultag ging es für Lea am Nachmittag direkt los in den Urlaub nach Holland. Auch mir tat eine Woche totale Auszeit supergut, denn die letzten Wochen vor den Ferien waren für mich sehr arbeitsreich gewesen. Und auch wenn ich meine Tochter absolut liebe und mich für mein Kind schirr zerreiße, wie es manch einer manchmal liebevoll in meinem direkten Umfeld ausdrückt, gehen eben 16,5 Jahre der Pflege von Lea nicht spurlos an mir vorbei. Für mich ist und bleibt es eine Selbstverständlichkeit, dass ich sehr viele meiner eigenen Wünsche dem Bedarf und Können von Lea anpasse. Mich interessiert es reichlich wenig, ob andere das evtl. falsch finden, denn nur so ist es für mich richtig. Sobald Lea jedoch mit der Lebenshilfe und deren tollen Betreuern/innen in den Urlaub fährt, spüre ich emotional wie auch körperlich, wieviel Leben für mich für einige Tage frei wird. Ich bin erst seit kurzer Zeit in der Lage, offen und ehrlich auszusprechen, dass ich mich dann auch befreit fühle. All die Jahre zuvor habe ich mir innerlich verboten, zuzugeben, dass diese Pflege auch anstrengend und die eigene Luft zum Atmen dadurch sehr einschränkt ist. Ich hatte früher stets Angst, dass andere denken könnten, ich liebe meine Tochter nicht richtig. Heute weiß ich, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Jeder Mensch, der über viele Jahre einen Familienangehörigen pflegt, wird bestimmt sehr genau nachempfinden können, was ich meine. Auf den ersten alleinigen Urlaubsfahrten von Lea habe ich sie oft vermisst, mir jeden Tag Gedanken darüber gemacht, wie es ihr wohl geht, sprich, ich war im Kopf selbst nicht richtig in meiner Auszeit. Heute ist es so, dass mein Kopf ab der ersten freien Minute für mich frei ist. Ich genieße es in vollen Zügen, einfach spontan und frei in den Tag hineinleben zu können, mit meinen Lieblingsmenschen das zu unternehmen, worauf wir gerade einfach Lust haben oder auch in irgendein Restaurant zum Essen zu gehen, ohne vorher die Speisekarte auf glutenfreie Gerichte und deren Küche auf Kontamination abfragen zu müssen. Es tut mir und meiner Seele einfach total gut, dass ich mich an diesen freien Tagen wirklich nur um mich kümmern darf, immer in dem Wissen, dass mein Handy auch in meiner Auszeit stehts bei mir ist, da ich für Lea immer erreichbar bin. Natürlich habe ich hier und da aufgrund von Leas großer Freundin ein paar freie Stunden, die ich ebenso nutze und doch ist es nochmals etwas ganz anderes, wenn mehrere Tage am Stück wirklich nur für mich sind. Heute ist bei mir das Vermissen weg und hat für Genuss von allem Platz gemacht. An dem Tag, an dem Lea zurück nach Hause kommt, bin ich dann vor ihrer Ankunft herrlich aufgeregt, stehe immer noch viel zu früh am Abholort, um ja nie zu spät dort vor Ort zu sein und freu mich, wenn ihr Lachen und Singen durch unsere heimischen Räume schallt.

 

Leas Urlaubfahrten sind so immens wichtig für sie und für mich. Der Alltag in unserem Leben ist in vielen kleinen Dingen anders, als bei den meisten anderen. Schon im Kindergarten beginnen manche Kinder sich mit Freunden zum Spielen zu verabreden und spätestens im Grundschulalter sind die meisten Kids nachmittags hin und wieder allein unterwegs. Je älter die Kinder werden, desto mehr entwachsen sie dem Elternhaus und gehen eigenständig ihre Wege. So können Eltern und Kinder Jahr für Jahr quasi das Loslassen üben, welches ich versuche mit Lea in unserem Leben mit Hilfe dieser Urlaube zu trainieren. Lea hat trotz ihrer fast 17 Jahre noch immer kein Gespür und Verständnis für Gefahren z.B. im Straßenverkehr. Sie versteht Hygiene nur bedingt, kennt kaum Schamgefühl und würde bei großer Hitze auch unter vielen Menschen sehr leicht bekleidet umherlaufen. In diesen wie auch in anderen Dingen benötigt sie somit ständige Aufsicht eines Erwachsenen, der sie dennoch nach ihren Möglichkeiten in ihrer Eigenständigkeit unterstützt. Mit ihren Urlaubfahrten simulieren wir quasi ihre Zukunft in einem eigenen anderen Zuhause für später. Wann und wo das sein kann, wird uns irgendwann das Leben und mir vor allen Dingen Lea zeigen. Bis dahin üben wir weiter, indem wir uns beiden freie Auszeiten geben, wenn die Möglichkeit besteht und die Rahmenbedingen passen.

 

In diesem Jahr hatte Lea während ihrer Ferienfreizeit nach Auskunft der Betreuerin in den ersten Tagen mal wieder so etwas wie Heimweh. Auch das ist neben ihrer großen Reiselust eine interessante und wichtige Erfahrung für sie und mich. Da ich beruflich ja am Vormittag als Schulbegleiterin tätig bin, dürfen wir die gesamten restlichen Sommerferien zusammen faulenzen, ausschlafen, gemeinsam einkaufen und vor allen Dingen fast täglich Monopoly spielen. Dieses ja von Allen bekannte Spiel haben wir vor einigen Wochen gekauft und aus ihren Erzählungen auf ihrem Talker weiß ich, dass sie dies auch gern zum Tagesabschluss in der Schule spielt. Hier zu Hause ist Lea vor jeder Monopolyrunde für sämtliche Spielvorbereitungen und das Verteilen des Startgeldes verantwortlich. Das klappt einfach super. Neben dem Spielspaß merke ich, dass sich Lea nach ihren Möglichkeiten auch im Umgang mit dem Spielgeld und dem Verständnis von Geldbeträgen immer besser zurechtfindet. Beim Häuserkauf, Lesen der Aktionskarten, usw. braucht sie klar viel Hilfe, aber das mindert hier den Spaßfaktor in keinster Weise. Obwohl sie Ferien und somit wohlverdiente Lernpause hat, ist ihr Wissensdurst groß. So darf sie spielerisch weiter üben und mich nebenbei regelmäßig abziehen, weil sie einfach ein Würfelglück hat, das seinesgleichen sucht.

 

Wir werden also hier auch in der zweiten Ferienhälfte noch die ein oder andere Runde weiterzocken und die schulfreie Zeit mit dem ein oder anderen Ausflug genießen, bevor es zum Ende des Monats in ein weiteres Schuljahr geht. Jetzt wünsche ich Euch erst einmal ein schönes Wochenende und schicke ein fröhliches Winken von Lea und mir zu Euch in die Welt.

 

Copyright Bild und Text: Ulrike Solo

 

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